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The Reminder

out 20.04.2007
Polydor

Bittersüßes für den Punk

Es kommt selten vor, dass man ein Album zum ersten Mal hört und es einem dennoch wie ein guter alter Bekannter vorkommt. Es kommt selten vor, dass man nach dem ersten Hören eines Albums denkt, es handle sich dabei um eine klassische Retro-Scheibe – und dann, nach dem zweiten Hören, klingt die Platte plötzlich überraschend neu und ungewohnt, langsam und eindringlich öffnet sich Türchen für Türchen eines Mikrokosmos’, den es unbedingt zu entdecken gilt.

„The Reminder“ von Leslie Feist ist so ein faszinierendes Meisterstück. Das zweite „richtige“ Album der 31jährigen Kanadierin nach „Let It Die“ aus dem Jahr 2004 (zuvor waren lediglich eine Kassette und eine EP erschienen) ist geprägt von Zeitlosigkeit und Intensität zur selben Zeit, man fühlt sich an Joni Mitchell, Suzanne Vega oder Sheryl Crow erinnert, aber auch an Mahalia Jackson oder Sarah Vaughn. Und letztendlich nur an Leslie Feist.

„Na ja“, grummelt das bezaubernde, kleine Persönchen namens Leslie Feist beinahe betreten, wenn man sie auf diese Assoziationskette anspricht, „ich liebe nun mal Folk, Gospel, Pop und Jazz zur selben Zeit. Klar, dass mich diese so unterschiedliche Musik auch in der eigenen Arbeit beeinflusst! Darüber hinaus – um das Ganze endgültig kompliziert zu gestalten – stehe ich auf Punk und Hard Rock: Auf die Sex Pistols und AC/DC würde ich nie etwas Schlechtes kommen lassen. Trotzdem bemühe ich mich natürlich beim Komponieren der eigenen Songs, dass ich von niemandem abkupfere, dass es ganz neue und vor allem zeitgemäße Nuancen zu entdecken gibt. Ich bin selbstbewusst genug, dass ich kein schäbiges Abziehbild von einem anderen Musiker oder von irgendeiner Vergangenheit sein muss.“

Gut gebrüllt, kleine Löwin! Vor allem aber: Vollkommen zu Recht gebrüllt! Was die Stücke von „The Reminder“ wie schon beim Vorgänger zusammen hält, ist diese einzigartige, mal schneidend-klare, mal sehnsüchtig-verwehte Stimme, der sich niemand entziehen kann. So souverän wie leidenschaftlich stützt sie kongenial die eigentlich schlichten Lieder. „Ich habe absolut kein Problem damit“, meint Leslie, „wenn man meinen Songs Schlichtheit unterstellt. Genau die ist es, mit denen ich die Hörer erreichen möchte! Pop-Musik hat stets auf großer Einfachheit basiert. Ich halte das für eine herrliche Tradition, in die ich mich nur allzu gerne einreihe.“

Textlich glaubt Leslie Feist, dass sie nicht viel von sich preisgibt, im Vergleich zu etlichen ihrer extrovertierten Sangeskolleginnen und –Kollegen. Wobei ihr durchaus klar ist: „Wer Lyrics schreibt, schleicht sich permanent um die Ecken des eigenen Ichs. Und gerade wir Künstler sind definitiv keine eindimensionalen Charaktere, sondern hypersensible Typen. Ständig entdecken wir etwas Neues an oder in uns. Wobei“ - fügt sie kichernd hinzu - „dahinter gelegentlich vollkommene Egozentrik steckt, die man einem Außenstehenden definitiv nicht zumuten sollte.“

Von ihrer Historie her blieb Leslie Feist erstmal sowieso nicht viel Zeit für introspektives Grübeln: Sie hatte sich – ehe sie sich als Twen eher bittersüßem Folk-Pop widmete – als Teenager in ihrer ersten Band vollkommen dem Punk verschrieben. Was hält sie heute noch von diesem wüsten, lauten, anarchischen Sound? „Wie schon erwähnt, die Sex Pistols sind so eine Art Halbgötter für mich“, bekennt sie, „und Punk als Lebensform ist für mich nach wie vor das existentielle Gefühl von Authentizität sowie Selbstbestimmung. Sich wild und laut und aggressiv ausdrücken zu können, ohne dabei jemandem zu schaden – das ist Punk. Ich denke, davon steckt noch eine Menge in mir drin, selbst wenn sich meine letzten beiden Platten nicht zwingend danach anhören. Ehrlich, ich bin ein ziemlich harter Hund.“

By Michael Fuchs-Gamböck

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