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Seasick Steve
Das Leben, ein Blues
By Michael Fuchs-Gamböck

Es gibt sie noch, die Originale, in einer unoriginell gewordenen, stereotypen Welt. Typen wie Steve Wold aus dem     kalifornischen Oakland etwa, ein Mann jenseits der 60, knorrig, eigensinnig, bescheiden, kauzig, herzlich, alles in allem - ein   Mann fernab unserer aktuellen Zeitrechnung, in der jene anachronistischen Charakterzüge mit Verwunderung oder gar Misstrauen beäugt werden. Eigentlich. Bis sich dieser Typ namens Steve Wold - den die musik-interessierte Menschheit lediglich als "Seasick Steve" kennt, weil er berüchtigt ist für seine Neigung zu Seekrankheit - im Rahmen einer viel beachteten TV-Show auf einen Stuhl setzt, eine dreisaitige Gitarre umschnallt, auf einer Holzkiste mit dem linken Fuß den Takt vorgibt, um gleich darauf in einen rudimentären Blues namens "Dog House Boogie" zu verfallen.

Da hämmert also dieser Kerl mit verwildertem Bart, Baseball-Cap, ausgewaschenem Holzfäller-Hemd, Hosenträgern und ranzigen Jeans, auf sein marodes Uralt-Brett ein, ganz in der archaischen Tradition eines Son House oder John Lee Hooker, heult dazu wie ein räudiger Koyote, gibt mithin den personifizierten Blues - und auf Hochglanz-Cover getrimmte Girlies im Publikum, die locker als Seasicks Enkelinnen durchgehen könnten, kreischen ihm zu als wäre er Teeny-Gott Robbie Williams leibhaftig.

seasick steveSo geschehen bei der TV-Silvestermatinée 2006/2007 des extrem beliebten britischen Moderators Jools Holland, während der "Old Steve" gleich drei Titel zum Besten geben durfte, allesamt frenetisch bejubelt. Der seekranke Steffi weiß auch heute nicht recht, wie ihm  damals geschah, hatte er bis dato weitgehend ein Leben geführt, in dem der Begriff "Erfolg" ein absolutes Fremdwort war.   Egal, seit diesem legendären Auftritt ist Seasick Steve von der Muse des Erfolgs geküsst: Seine beiden ersten Alben "Cheap" und "Doghouse Music", bis dahin unbeachtet geblieben, tauchten zunächst weit oben in den UK-Indie-Charts und gleich   darauf beinahe genauso weit oben in den regulären britischen Hitparaden auf, ihr Interpret wurde vom Fachmagazin MOJO   zum englischen "Breakthrough Act" gekürt, Steves aktuelles drittes Werk "I Started Out With Nothin' And I've Still Got Most   Left Of It" enterte aus dem Stand die offiziellen Top Ten des Inselreichs. Was wiederum zur Folge hatte, dass Steve für den   "Brit Award 2008" nominiert wurde.

Jetzt setzt der seekranke Oldie - auf seine sehr eigene, gelassene, aber irgendwie doch bestimmte Art - einiges dran, auch in Kontinentaleuropa seine musikalische Duftmarke zu hinterlassen. "Klingt natürlich nach Marketingplan, ist mir klar", grummelt der Protagonist in seinen wüst wuchernden silbergrauen Bart. "Das ist aber völliger Quatsch. Schließlich hat es in meinem Leben noch nie einen Plan gegeben." Wohl wahr! Womit wir wieder beim Original in unorigineller Welt wären. Seasick Steve kennt nicht exakt (oder will es nicht kennen...) sein Geburtsjahr. Mit seinem Erzeuger Gene spielte er schon als kleiner Steppke in dessen Boogie Woogie-Band. Als die Eltern sich trennten, ließ Steves Mutter sich bald auf einen offensichtlich psychopathischen, gewalttätigen neuen Mann ein. "Ich hatte bald genug von diesem Irren, der sich als mein Stiefvater ausgab", erinnert Seasick sich an jene harte Zeit in seinem Leben zurück, "also habe ich mit 13 beschlossen, die Biege zu machen und bin von zu Hause abgehauen." Eine endgültige Entscheidung, wie sich herausstellen sollte.

Fortan führte Steve das Leben eines "Hobos", also eines meist Obdachlosen und stetig Durchreisenden. Seine Heimat   waren häufig Güterzüge, seine - unfreiwillige - Heimat wurden immer wieder die berüchtigten "schwedischen Gardinen"   in diversen US-Bundesstaaten, hinter die er für kleine Gaunereien gesteckt wurde. Seasick jobbte als Tagelöhner auf   Farmen und Jahrmärkten, zeugte zwei Kinder, für die er oftmals mehr schlecht als recht finanziell aufkommen konnte,   war zumeist "on the road". Seit seinem 16. Lebensjahr ständig als einziger treuer Begleiter dabei: "Meine Gitarre", lacht   Steve, "weil die mir dabei half, ein paar Dollars als Straßenmusikant zu verdienen."

In den frühen 80ern lernte Seasick eine norwegische Kellnerin namens Elizabeth kennen, in die er sich dermaßen heftig  verliebte, dass er beschloss, zum ersten Mal in seinem Leben sesshaft zu werden. Das Paar zog zunächst in die   Peripherie von Tennessee, wo Steve sich ein kleines Studio aufbaute, das allerdings nicht recht in die Gänge kam: "Zu   viel Country & Western-Mist um mich rum, das ist nichts für mich", erinnert er sich. "Ich bin zu hundert Prozent dem    Blues verfallen." Also ging die Reise weiter an die nördliche Küste Washingtons, rund zwei Stunden Fahrt von Seattle entfernt. Und endlich war Steve zur richtigen Zeit am richtigen Ort, denn in eben diesem Seattle explodierte zu Beginn der 90er ein musikalisches Phänomen namens "Grunge", dessen Vorkämpfer sich ihrer Blues-Wurzeln durchaus bewusst waren. "Ich habe in jener Phase meines Lebens mit Dutzenden von Grunge-Bands aufgenommen", berichtet Seasick, "und meine rudimentäre Art Blues zu spielen wurde mit einem Mal als revolutionärer Punk angesehen. Mir sollte das recht sein..."

Doch Grunge verschwand ein paar Jahre später sang- und klanglos von der Bildfläche, Seasick fühlte sich einmal mehr wie "die alte Lavalampe in der Ecke, die bei den Leuten schöne Erinnerungen auslöst, die aber letztendlich verstaubt, weil sie niemand wirklich braucht". Außerdem hatte seine norwegische Herzdame, die Steve geehelicht und mit der er inzwischen drei Söhne hatte, heftiges Heimweh nach ihrem Geburtsland. Also wurden die Koffer gepackt und nach Oslo verschifft, schließlich ist unser Mann ein echter Kerl mit Prinzipien und liebender Gatte sowieso. "Am Anfang habe ich die Entscheidung, nach Norwegen zu gehen, ziemlich bereut, denn es gab dort für mich kaum etwas zu tun", meint er rückblickend. Immerhin lernte er einige schwedische Musiker kennen, mit denen er die Level Devils ins Leben rief und sein erstes Album "Cheap" einspielte, das zunächst unbeachtet in den Regalen der Plattenläden liegen blieb. Aus irgendeinem dubiosen Grund schaffte die Scheibe den Weg nach England, wo einflussreiche DJ's wie Charlie Gillett und Joe Cush die Songs darauf regelmäßig im Radio abspielten. Die beiden ermunterten Seasick, den Weg nach London auf sich zu nehmen, um dort Promotion in eigener Sache durchzuziehen sowie einige Gigs zu absolvieren. "Meine Tasche war reisefertig und ich bereit für diesen großen Sprung, doch dann kam wie häufig in meinem Leben alles anders", erzählt Steve. Was war passiert? Seasick hatte einen schweren Herzinfarkt, der zu teilweiser Lähmung führte. "Ich war beinahe drüben auf der anderen Seite", erinnert er sich, "doch meine Frau war in der Nähe, als mich die Attacke übermannte, und hat mich in Diesseits zurückgeholt." Glück im Unglück: Die Gattin ist ausgebildete Reha-Krankenschwester.

Von da an versank Seasick Steve in Grübeleien und hatte wenig Motivation, Musik zu machen, "ich suhlte mich in   Agonie", reflektiert er, "doch Elizabeth ließ das nicht zu, hat mir immer wieder fordernd meine alte dreisaitige Klampfe -   für mehr Saiten hatte ich damals keine Kohle - hingehalten und trocken gemeint: "Spiel das Ding, nimm ein paar Songs   auf, dann habe ich wenigstens was von dir übrig, wenn du den nächsten Infarkt nicht überleben solltest."  Tja, so ist   meine Gattin - hart aber herzlich."

Seasick tapte "eher nebenbei, ich habe gar nicht bemerkt, dass daraus ein Album wurde", wie er grummelnd feststellt,   die Songs für die CD "Doghouse Music", die Scheibe wurde auf einem kleinen Label veröffentlicht, geriet einmal mehr   durch puren Zufall Fernsehmoderator Jools Holland in die Finger, der lud Steve zu seiner Show ein - der Rest ist   Geschichte. Seasick Steve ist heute eine Art Star, wenn auch wider Willen - schließlich passt er so ganz und gar nicht in  unsere rationale Welt. "Jedes Mal, wenn ich vor Tausenden von Menschen auf einer Bühne stehe, denke ich nur: Gott  verdammich, wie kann ein alter Knochen, der uralte Musik spielt, vor so vielen jungen Leuten bestehen? - Obwohl mir   das Geheimnis dieses beinahe beängstigenden Erfolgs, den ich heutzutage habe, mittlerweile klar geworden ist: Es gibt  eine Menge Teens und Twens, die nicht wollen, dass alles chic und geschniegelt ist. Die wollen was hören vom richtigen  Leben. Nun, da sind sie bei mir genau an der richtigen Adresse!"


Neues Album: Man From Another Time
out 23.10.2009






Album: I Started Out With Nothin’
And I Still Got Most Left Of It

out 24.04.2009