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Nazareth:
The Newz

out 23.03.2008
Edel Rec.

Das Angenehme Klischee
By Michael Fuchs-Gamböck

Es ist abends ½ Acht, Dan McCafferty und Pete Agnew, ihres Zeichens Sänger bzw. Bassist von Nazareth, sitzen wie schon zehntausende Male zuvor im Kabuff eines Backstage-Raums und stehen dem Autoren dieser Zeilen Rede und Antwort. Ziemlich exakt eine Stunde später werden sie zusammen mit ihren zwei aktuellen Mitstreitern (einer davon, der Drummer, ist übrigens der Sohn von Pete Agnew) auf die Bühne stiefeln und das – mit rund 700 Besuchern vollbesetzte – Haus rocken. Routine bei dem schottischen Duo, seit 40 Jahren passiert McCafferty und Agnew Senior so eine Szene an durchschnittlich 200 Abenden per Anno. Jetzt aber ist erstmal Interview angesagt, was bei den beiden 62-jährigen extrem entspannt abläuft.

Liegt vielleicht auch an der Wahl der Getränke: Während Pete Agnew von einem Heer aus zerdrückten Cider-Dosen umgeben ist, kann man bei der vor Dan McCafferty thronenden Tequila-Flasche, aus der in regelmäßigen Abständen nachgeschenkt wird, locker den Grund sehen. Angetütelt wirkt keiner der zwei Rock-Dinosaurier, stattdessen sind sie freundlich, lässig und immer aufmerksam. Die Herren sind Voll-Profis, ihre Lebern offensichtlich auch. Sie kennen sich bereits seit 1964, als McCafferty in Agnews drei Jahre zuvor gegründete Band The Shadettes einstieg. Nachdem sich 1968 Manny Carlton an der Gitarre und Darrell Sweet am Schlagzeug zu den beiden Kumpanen gesellt hatten, benannte man sich zu Beginn des darauf folgenden Jahres um: Nazareth war geboren!

„Gekannt haben wir Jungs uns alle, schließlich stammten wir durch die Bank aus dem Nest Dunfermline, nahe Edinburgh gelegen, da lief man sich zwangsläufig jeden Tag über den Weg“, erinnert sich Agnew an die Gründerjahre der Band. „Und wenn jemand ein Instrument spielte, sprach sich das rasend schnell herum in unserem Kaff. So viele Leute waren das nicht, deshalb war es logisch, dass wir uns irgendwann zusammen tun würden.“

Das musikalische Grundkonzept war rasch klar, daran hat sich bis heute kein Deut geändert: Konventioneller, sauber gespielter Hardrock, der sich von anderen Bands in erster Linie durch McCaffertys klagenden. packenden Nebelhorngesang unterscheidet, dazu ein paar Prisen Blues und Heavy Metal. „Wir sind eine Art Klischee, aber ich hoffe, die angenehme Sorte davon“, kichert McCafferty und zündet sich die nächste von unzähligen „Pall Mall“ an. „Man könnte uns auch einen wandelnden Anachronismus nennen, und weißt du was: Wir sind stolz, wenn die Menschen das tun. Schließlich braucht jeder Konstanten in einer Welt, in der mehr und mehr Konstanten verloren gehen.“

Eine solche Konstante ist „The Newz“, Nazareths 21stes Studioalbum und das erste seit zehn Jahren. „Ich weiß, das ist eine lange Zeit des Wartens und Durchhaltens für unsere Fans gewesen“, gibt Agnew zu. „Doch an uns lag es nicht, dass nichts Neues erschien. Wir haben ja die komplette letzte Dekade überall und in jeder Ecke dieses Planeten live gespielt, waren also beständig präsent – doch wir hatten ab 1998 und bis 2007 keinen Plattenvertrag mehr. Als der schließlich bei einer neuen Firma unter Dach und Fach war, schlossen wir uns sofort im Studio ein! Wir nahmen 20 Stücke auf, 13 davon haben es jetzt auf „The Newz“ geschafft. Das Ding ist, nun ja, eine klassische Nazareth-Scheibe.“ Und, das sollte nicht unerwähnt bleiben, eine der besten Platten in der langen Historie des Vierers, denn die Gruppe ist prächtig aufeinander eingespielt, McCafferty glänzend bei Stimme, was er zumindest in den 80ern nicht immer war. Dass sein mächtiges Sangesorgan 2009 auch live seinen Mann steht, wird er beim knapp zweistündigen Konzert im Verlauf des Abends eindrucksvoll beweisen. Tequila und „Pall Mall“ scheinen die Stimmbänder weit zu dehnen und zu stimulieren...

Warum bei all der Rocker-Attitüde der Band trotzdem eine gehörige Portion Balladen auf dem Programm stehen, erklärt McCafferty mit schelmischem Schalk in den Augen: „Wir sind aus Schottland, und Schotten sind das melancholischste Völkchen in Großbritannien, wo es vor Melancholikern nur so wimmelt. Wir schauen noch tiefer ins Glas als Iren oder Engländer, wir jammern noch schlimmer rum als die Waliser. Und wenn wir unglücklich verliebt sind, was nicht selten vorkommt, schreiben wir noch säuselndere Kitsch-Songs als der Rest der Insel. Von all dem komme ich einfach nicht weg.“

Jedenfalls stellen Schmachtfetzen wie „Love Hurts“, „Dream On“ oder „Holiday“ auch an jenem Konzertabend den Grundstock für Begeisterung und Rührseligkeit im Publikum, obwohl der Großteil des Repertoires aus härteren Stücken bzw. „The Newz“-Material besteht. „Wir spielen in erster Linie die Lieder, welche die Besucher erwarten“, erklärt Pete Agnew. „Das hat nichts mit Anbiederung zu tun, sondern mit Respekt vor den Leuten, die uns ihre Zeit schenken und ihr Geld geben. Manche Klassiker werden potenziell erwartet, das ist nun mal so im Rock & Roll-Business. Wenn ich ein AC/DC-Konzert besuche, erwarte ich von den Burschen auf der Bühne das gleiche Prozedere. Es geht darum, Erinnerungen abzurufen, wenn man sich einen Gig anschaut. Ist doch prima, oder nicht?“

Denn, so McCafferty: „Pete und ich sind schon über 60, wir haben die Band seit 40 Jahren und nie von etwas anderem als der Musik gelebt. Nazareth ist unsere Lebensgeschichte! Klar gab es untereinander gelegentlich Probleme, wie das bei allen langen Beziehungen der Fall ist. Aber an der „Idee Nazareth“ haben wir niemals gezweifelt. Das werden wir nie tun. Es wird immer weiter gehen. Ich hoffe, eines Tages auf der Bühne mein Leben auszuhauchen. Das wäre der würdigste Tod für mich.“

Dan und Pete nehmen noch einen letzten Schluck von ihren Getränken, der Sänger einen letzten Zug von der „Pall Mall“. Danach geht es raus auf die Bühne. Die Arbeit ruft und selbstredend auch das Publikum. Es wird ein berauschender Abend, in all seinem Anachronismus. An Abenden wie diesen wünscht man sich, die Zeit anhalten zu können, um dem Tod ein Schnippchen zu schlagen.