• Increase font size
  • Default font size
  • Decrease font size
  • dark
  • light
  • leftlayout
  • rightlayout
Type O' Negative:
Dead Again

out 08.02.2008
CD+DVD, Doppel-CD
A.C.I. - E @ 9002(8030)

Die Philosophen des Abnormalen
By Michael Fuchs-Gamböck

Es dürfte Peter Steele und seinen drei Mitstreitern von Type O’ Negative nicht besonders schwer gefallen sein, vor exakt zehn Jahren ein 60-Minuten-Video namens „After Dark“ zusammenzustellen. Steele und Mitstreiter spielten darin einfach nur sich selbst – egozentrische Irre, grandiose Selbstdarsteller, durchgeknallte Entertainer. Es macht nicht immer Spaß, sich dieses Video anzuschauen, weil man darin neben explosiven Live-Mitschnitten und sämtlichen Videos der beiden Erfolgs-Alben „Bloody Kisses“ und „October Rust“ auch Unappetitlichkeiten wie behaarte nackte Männerärsche, Musiker, die auf ihren nächsten Stuhlgang warten, und kotzende Groupies serviert bekommt. Trash eben, aber nicht zwingend von der lustigsten Sorte. Trotzdem ist dieser Monster-Clip in Überlänge zumindest für Type O’-Fans – und derer gibt es nicht wenige – absolut unverzichtbar. Denn wer wissen will, warum die Truppe aus Brooklyn/New York eben mehr ist als „nur“ eine weitere Hardcore-Metal-Band, dem wird das spätestens nach dem Betrachten von „After Dark“ klar. Dieses Quartett ist groß, weil es weiß, wie man sich groß macht. Der Vierer kann sich blendend verkaufen, kennt sämtliche Regeln des Musik-Biz, und – hat dabei auch noch jede Menge Spaß! Das ist wohl das beste Kompliment, das man Peter Steele und Co. nachsagen kann.

Alles an dieser Gruppe wirkt irgendwie vage, wie ein Pudding, den man an die Wand zu nageln versucht. Da ist zunächst dieses grimmige Sound-Vielerlei, das sich seit der Gründung 1989 und auf mittlerweile sieben Studioalben (das jüngste nennt sich „Dead Again“) nicht recht entscheiden kann, ob es Black Sabbath, Sisters Of Mercy, Pestilence, die Beach Boys oder Richard Wagner sein will. Dann sind da die Texte, die sich irgendwo im Niemandsland zwischen larmoyantem Zynismus und schmerzverzerrter Melancholie sowie schwerwiegender Depression tummeln. Und schließlich ist da noch der (ach so...) provokative Anspruch, der sich auf reaktionäre Pseudo-Romantik wie auf archaische Subversivität gleichermaßen beruft. Dennoch – irgendwie muss man diese Truppe einfach lieben... Grund genug jedenfalls, sich anlässlich der Veröffentlichung von „Dead Again“ mit Type O’ Negative-Frontmann und manischem Aushängeschild Steele, der auf Promotiontour fürs neue Album in Europa weilte, zusammenzutelefonieren. Und da der 45jährige tief im Inneren ein freundlicher, vor allem aber geschwätziger Zeitgenosse ist, ließ er es sich nicht nehmen, den aktuellen Type O’ Negative-Klatsch gnadenlos auszuplaudern – jede Menge Widersprüche inklusive.


FRAGE: Was war der Grund, dass ihr ein Portraitfoto dieses mysteriösen, gefährlichen und irgendwie unangenehmen Menschen Grigori Rasputin aufs Cover euer neuen Platte genommen habt?

STEELE: Nach 18 Jahren Sänger bei Type O’ kommt mir dieser Typ nicht als mysteriös oder gar gefährlich vor, ha ha! Meine Band ist wesentlich merkwürdiger, daran herrscht für mich kein Zweifel. Ich habe vor einiger Zeit einen biographischen Film über Rasputin gesehen, der mich sehr fasziniert hat. Wenn der Kerl heute noch leben würde und Musiker wäre, würde ich ihn sofort bei uns in der Band aufnehmen. Er wäre der perfekte fünfte Mann!

FRAGE: Was ist denn so gefährlich an eurer Gruppe?

STEELE: Wir stehen ständig am Rande des Absturzes, der vollkommenen Vernichtung! Laufend bin ich mit Scheidungen von Freunden, Tod, Drogenmissbrauch, Verhaftungen und solchem destruktivem Müll umgeben, das alles zieht sich wie ein roter Faden durch meine Biographie. Dazu das Manisch-Depressive an mir, das mich an manchen Tagen schier umzubringen scheint.
Ich habe mich nicht umsonst vor kurzem – als eine Art Schutzmechanismus gegen all das Üble, das mich umgibt – römisch-katholisch taufen lassen. Und meinen früher unmäßigen Kokain-Konsum habe ich inzwischen so weit reduziert, dass ich mir im Schnitt nur noch ein Mal im Monat das Näschen pudere. Das ist eine echte Leistung für einen notorisch Suchtgefährdeten wie mich.

FRAGE: Du spuckst zwar gerne große Töne, aber tief im Inneren – glaube ich – bist du ziemlich romantisch veranlagt, stimmt’s?

STEELE: Yeah, obwohl ich mir das gar nicht so gerne nachsagen lasse... Aber es ist wahr, ich bin romantisch und auch morbid zur gleichen Zeit, das ist mein eigentliches Naturell. Der suizidgefährdete Sex-Maniac, den man mir gerne unterstellt, ist höchstens ein winziger Teil meines ziemlich schizophrenen Charakters. Aber natürlich bringt es jede Menge Spaß, mit so einem Klischee in der Öffentlichkeit zu kokettieren, das kann zu ziemlich absurden Situationen führen. Doch wenn ich ehrlich bin, bietet es immer weniger Spaß. Die Leute nehmen diese Rolle einfach zu ernst. Und ich spiele sie wohl auch schon zu lange.

FRAGE: Wer ist demnach Peter Steele wirklich?

STEELE: Ich bin ein abnormaler Philosoph! Mein Credo lautet: Wir alle sterben irgendwann, egal, was wir anstellen. Der Tod ist ein Scheißer, dem wir nicht entwischen können. Deshalb darf man sich in diesem Leben an keine Moral halten. Man muss all das realisieren, was man für notwendig hält. Zumindest denke ich momentan so. Doch wer weiß schon, was in fünf Jahren sein wird? Vielleicht ist die ganze Chose bis dahin in die Luft geflogen. Sei’s drum!

FRAGE: Hast du schon mal an Selbstmord gedacht? Depressive Phasen, so heißt es aus deinem Bekanntenkreis, sollen dir ja nicht fremd sein...

STEELE: Logisch habe ich an Selbstmord gedacht! Aber ich war bislang nicht in der Stimmung, die Sache auch durchzuziehen. Das Leben ist ein Spiel! Warum sollte ich es unterbrechen? Ich mische solange mit, wie man mich lässt.

FRAGE: Und um die Spielregeln mitbestimmen zu können, provozierst du die Menschheit gerne? Ist dies das Geheimnis hinter Type O’ Negative?

STEELE: Bingo! Es stimmt, ich liebe es, die Leute zu provozieren. Denn wenn ich es nicht täte, was bliebe mir dann noch? Das Leben ist doch eine reichlich laue Angelegenheit.

FRAGE: Na ja, du könntest dich um euer Millionenheer von Groupies kümmern. Angeblich seid ihr eine derjenigen Bands mit den meisten weiblichen Anhängern überhaupt...

STEELE: Ach, die Frauen... Ich liebe die Art, wie sie gehen, wie sie sich schminken und herausputzen. Klar, ich bin mit fünf älteren Schwestern aufgewachsen, da habe ich früh mitbekommen, wie geheimnisvoll und mystisch Frauen sind, wie sehr ihre Gefühlswelt der von uns Männern überlegen ist.
Mein Gott, wie gerne ich auf einem Planeten voller Frauen leben würde! Sex, der ist neben Jesus meine Religion, davon kann ich einfach nie genug kriegen. Sex ist außer der Geburt eines Kindes das einzige Wunder, das wir hier erleben dürfen. Dem kommt höchstens noch die Musik nahe. Sieht so aus, als bin ich in der Tat ein hoffnungsloser Romantiker. Und ein Musiker.

FRAGE: Und was ist dran an dem Gerücht, ihr seid Faschisten?

STEELE: Das ist wirklich absurd! In unserer Heimat USA werden wir als Kommunisten gehandelt, in Europa als Nazis und in China sind wir Staatsfeinde. Und eigentlich sind wir einfach nur vier kapitalistische Arschlöcher aus Brooklyn, die gerne Musik machen.
Okay, Sexisten sind wir auch, dazu stehen wir. Aber mit Politik haben wir absolut nichts am Hut. Politik ist ein total ödes Land, in dem kein vernünftiger Mensch sich freiwillig aufhält. So doof kann ich doch gar nicht sein, oder? Und ich glaube darüber hinaus, das Leben ist zu kurz, um Vorurteile zu haben. Zumindest mein Leben...



Wenige Tage nach dem Telefonat mit Peter Steele greift der Autor dieser Zeilen erneut in Sachen Type O’ Negative zum Hörer, um dieses Mal den Gitarristen der Band zu Hause in seiner Bude in New York City anzurufen. Kenny Hickey, geboren am 22.5.1961, ist wie Steele Gründungsmitglied des Quartetts – und im Vergleich zum leidlich wahnwitzigen Frontmann „derjenige, der versucht, diesen chaotischen Laden seit 18 Jahren halbwegs zusammen zu halten“, wie er unter dröhnendem Gelächter erzählt. Um unter weiterem Gelächter hinzuzufügen: „Was mir natürlich nicht immer gelingt, das ist bei diesem Verein unmöglich!“


FRAGE: Steele hat vor kurzem in einem Interview behauptet, er wäre der Diktator von Type O’ Negative, ihr so eine Art Sklaven...

HICKEY (unterbricht lachend): Der Scheisser soll mir mal von Europa wieder nach Hause kommen, dann wird er sehen, was es mit dem Diktator- und Sklaven-Spiel auf sich hat! Ernsthaft, Peter spuckt gerne große Tone, doch in Wahrheit ist er ein verschüchterter, großer Junge. Tatsache ist, dass wir alle Vier sehr hart an diesem Projekt namens Type O’ arbeiten! An manchen Tagen sitzen wir 16 Stunden am Stück im Übungsraum und fummeln an neuen Stücken rum – natürlich gemeinsam. Es gibt immer wieder Phasen, an denen wir uns an die Gurgel gehen wollen, ganz selten verprügeln wir uns auch gegenseitig. Letztendlich aber sind wir ein eingeschworener Haufen. Wenn dem nicht so wäre, hätte ich unmöglich 18 Jahre bei dieser Gruppe mitmischen können.

FRAGE: Welche Art von Gitarrist muss man sein, um den typischen Type O’ Negative-Sound hin zu bekommen?

HICKEY: Vor allem ein sehr lauter Gitarrist, weil ich mich sonst vor den anderen nicht durchsetzen kann, ha ha! Und darüber hinaus technisch äußerst versiert, denn viele unserer Songs mögen zunächst mal dumpf und grollend klingen, doch wenn man näher hinhört, steckt dahinter ein ganz schönes Gefrickle. Darauf bin ich sehr stolz!
Um den für uns wichtigen Feedback-Effekt optimal hinzubekommen, brauchst du auch das richtige Handwerkszeug. So benutze ich seit drei Jahren eine „Shakter Diamond“, die perfekte Klampfe für eine durchgeknallte Metal-Combo wie uns. Vor allem was du aus der an Overtones rausholen kannst, das ist enorm. Als Verstärker dient mir seit acht Jahren ein „Miss Boogie-Amplifier“. Das ist der einzige, der alles mitmacht und noch nie gestreikt hat. Seine Vorgänger habe ich sämtlich kaputt gespielt.

FRAGE: Du hast mal gesagt, ihr wärt musikalisch eine „verdammte Zeitmaschine“. Wie war das gemeint?

HICKEY: Wir bewegen uns musikalisch weder vor- noch rückwärts, sondern kochen ständig im eigenen Sud – so war das gemeint! Wobei ich das für ein großartiges Zeichen von Individualität halte, wir sind absolut einzigartig. Außerdem polarisieren wir, das macht mich ebenfalls stolz.
Diese Originalität hängt sicher mit Peters unberechenbarem, sehr wandlungsfähigem Organ zusammen, hoffentlich auch ein wenig mit meinen doch sehr monumentalen, wuchtigen Gitarrenriffs. Jedenfalls kann man uns definitiv nirgendwo kategorisieren. Das ist in  musikalisch banalen, angepassten Zeiten extrem wichtig, finde ich.

FRAGE: Und wie sieht nun der Alltag des Gitarristen von Type O’ Negative aus?

HICKEY: Das Wichtigste, was du dafür brauchst, ist Humor. Und viel Toleranz, keine Frage. Wenn ich beides nicht im Übermaß besitzen würde, wäre ich längst tot. Vor allem Peter macht es einem mit seinen Launen und Stimmungsschwankungen manchmal nicht leicht, gelassen zu bleiben. Mal zitiert er dir stundenlang und voller Inbrunst aus der Bibel. Dann will er tagelang nur Pornos mit dir anschauen. Dann steckt er wieder in einem tiefen depressiven Loch. Dann ist er extrem aggressiv. Ich hasse ihn. Ich liebe ihn. Und wir vier können allesamt definitiv nicht ohne die anderen.