Eels:
Hombre Lobo
Humor noch in der Hölle
by Michael Fuchs-Gamböck
Der Tod, immer wieder der Tod - Mark Oliver Everett hat jede Menge Begegnungen mit dem undurchdringlichen Kollegen in seinem 46-jährigen Dasein gehabt. "E", wie sich der kauzige, introvertierte Mann aus Virginia der Einfachheit halber nennt, hat von diesen Treffen nach eigenen Angaben in erster Linie profitiert, so schmerzlich sie zunächst auch auf ihn gewirkt haben, stellt er unprätentiös fest.
Da war zunächst Vater Hugh Everett III, genialer Quantenphysiker und verschlossener Erzeuger, stetig qualmend und wenig redend, den "E" nach einem völlig überraschenden Herzschlag eines Morgens tot im Bett auffand. Da war die so liebevolle wie weltfremde Mutter, deren Krebs-Tod sich im Gegensatz zu dem ihres Gatten eine halbe Ewigkeit hinzuziehen schien. Und da war die heiß geliebte ältere Schwester, viel zu merkwürdig und melancholisch und auch gutmütig für unsere grausame Welt - eine Erkenntnis, die sich beinahe selbstverständlich irgendwann in Selbstmord äußern musste. Was sie auch tat. Dann tauchen noch die einen oder anderen "E"-Weggefährten auf, meist Musiker, die sich gleichfalls viel zu früh von diesem Dasein verabschiedeten. Ja, Leichen pflastern "E"'s Weg! Doch der Mann hat die Musik, sein allseits probates Heilmittel für all den Schmerz, den ihm die Geschehnisse bereiten.
Es war und ist nicht immer leicht zugängliche, dafür im tiefsten Inneren stets heitere, versöhnliche Musik, die "E" dieser schnöden Welt zu bieten hat. Nachzuhören einmal mehr auf dem inzwischen siebten Album seiner Band Eels, "Hombre Lobo" betitelt. Über vier Jahre hat Mark Oliver Everett auf dieses Werk seiner Truppe warten lassen. Was nicht zu bedeuten hat, dass der Mann in dieser Zeit faul gewesen wäre, nein - er hat zum einen die so berührende wie befreiende Autobiographie "Things the Grandchildren Shoud Know" (auf Deutsch: "Glückstage in der Hölle: Wie die Musik mein Leben rettete", geschrieben, zum anderen im Auftrag des BBC an der TV-Dokumentation "Parallel Worlds, Parallel Lives" über seinen wissenschaftlich genialen Physiker-Vater mitgewirkt. Beide Projekte waren von Erfolg gekrönt: Das Buch wurde ein Bestseller mit durch die Bank positiven Kritiken, die Dokumentation wurde mehrfach ausgezeichnet.
Jetzt aber widmet "E" sich wieder ganz der Musik, ganz den Eels. Das Album "Hombre Lobo" wird allerorten prächtig rezensiert, "E" ist eigenen Angaben zufolge "ganz fickrig, mich auf die Bühnen dieser Welt zu stellen", eine Tour quer durch diesen Planeten soll folgerichtig noch in diesem Jahr starten. Zunächst aber stehen jede Menge Interviews an, die dem privat scheuen, spleenigen Eigenbrötler "das Unangenehmste an meinem Job sind - aber da muss ich zähneknirschend durch". Eines dieser gar nicht so zähneknirschend wirkenden Gespräche lesen Sie jetzt.
FRAGE: Der Tod war so oft dein Begleiter - hat dich Gevatter Hein all die Jahre über etwas gelehrt, oder kam er eher abschreckend daher?
E (lacht): Als furchterregend möchte ich ihn keinesfalls bezeichnen, er ist ganz okay! Aber ernsthaft: Wenn man den Tod als festen Bestandteil des Lebens akzeptiert, wenn man ihn also nicht als bösen Buhmann und Spielverderber sieht, sondern sich stattdessen mit ihm aussöhnt, ist er ein milder, sanftmütiger Ratgeber in allen Fragen der Existenz. Ich lebe sehr bewusst, seit ich mir darüber im Klaren bin, dass ich jederzeit sterben kann. Im Prinzip eine wirklich beruhigende Erkenntnis.
FRAGE: Deine Autobiographie, in welcher der Tod eine tragende Rolle spielt, ist für dich somit weniger Therapie, eher die Bestandsaufnahme eines ungewöhnlichen Lebens?
E: Das Leben macht mir seit längerem in keiner Weise mehr Angst. Denn ich habe durch all meine intensiven Erfahrungen gelernt, dass man nicht allzu großen Einfluss auf die Geschehnisse hat. Stattdessen geht es darum, seine innere Einstellung zu ändern. Dass man alles, was passiert, unbedingt zulässt, ohne groß darüber nachzudenken. Natürlich bin ich der uneingeschränkte Herr meines Tuns. Doch ich kann immer nur in einem abgesteckten Rahmen handeln, wenn ich mich nicht selbst zerstören und in ein Umfeld geraten will, das negativ auf mich wirkt. Der Zauberspruch lautet: "Schicksal annehmen und genießen."
FRAGE: Welche Rolle spielt Humor in deinem Dasein?
E: Ich schätze, dass ich meinen Humor sogar in der Hölle nicht ablegen würde. Weil kein Mensch weiß, warum er hier ist und auch nicht, wann er von hier abtreten wird, befinden wir uns eigentlich in einer Furcht einflößenden Ausgangsposition. Der Humor allerdings relativiert dieses Horror-Szenario. Er hilft uns dabei, souverän und entspannt mit all dem Irrsinn umzugehen.
FRAGE: Das aktuelle Eels-Album nennt sich " Hombre Lobo", zu Deutsch: "Wolfsmann". Wer ist dieser ominöse "Wolfsmann"?
E: Natürlich meine Wenigkeit, dazu musst du dir ja nur meinen wüsten Bart anschauen! Während ich auf der Suche nach einem Titel war, habe ich an den "Wolfsjungen" Kaspar Hauser denken müssen. Er war ein Findling, der die ersten 16 oder 17 Jahre seines Lebens vollkommen isoliert von der menschlichen Welt existiert hat. Als er sich der Welt zeigte, wurde er zunächst misstrauisch von ihr beäugt, dank seines natürlichen Charmes schaffte er sich aber auch jede Menge Wohlwollen. Er war also ein geborener Außenseiter, der die Gesellschaft anderer aber durchaus zu schätzen wusste. Nun ja, in der Tradition dieses Kauzes fühlt sich der "Wolfsmann" - somit ich - durchaus wohl.
FRAGE: Für das neue Eels-Album hast du satte vier Jahre benötigt, zwischen dieser und der letzten Platte hast du dich an eine Menge anderer Projekte gewagt. Warum spielt deine Band jetzt wieder eine Rolle in deinem Leben?
E: Die Eels sind meine erste und größte Liebe - egal, was ich sonst an Projekten durchgezogen habe und durchziehe. Vor allem deshalb, weil sich diese Gruppe ständig verändert. Sie ist eine permanente Baustelle und ein permanentes Experiment, an dem man pausenlos werkeln kann. Das gefällt mir! Wobei ich nicht behaupten möchte, dass all die anderen Aktivitäten reine Nebensache waren. Das Leben ist schließlich zu kurz, als dass man es mit Kompromissen verschwendet.
FAGE: Was bedeutet dir "Hombre Lobo" ganz persönlich im Rahmen der Eels-Historie?
E (lacht): Wie jeder Künstler behaupte ich jetzt einfach mal, dass es die bislang beste Eels-Scheibe ist! Und ansonsten weiß ich, dass ich mit dieser Platte ein Kapitel der Eels-Geschichte zu Ende gebracht habe. Mal sehen, was danach passiert, welches Kapitel ich als nächstes aufschlagen werde. Das alles ist reine Intuition. die allerdings hat mich noch nie getrogen.
FRAGE: Zurück zu "Glückstage in der Hölle": Mit welchem Anspruch bist du ans Schreiben dieser Autobiographie rangegangen?
E: Ich vermute, dass ich meine Seele damit entrümpeln wollte, ohne dass deshalb irgendwelcher Privatmüll auf die Leser niederprasselt. Während ich an dem Buch schrieb, wurde mir vieles klar, ich habe Zusammenhänge erkannt und Verbindungen hergestellt zwischen Ereignissen, die mir widerfahren sind, welche heute ein Gesamtbild ergeben. Dieses Gesamtbild, das bin ich, in seiner komplexesten Form.
FRAGE: Der Untertitel des Buches in der deutschen Ausgabe lautet: "Wie die Musik mein Leben rettete". Hat sie das getan?
E: Unbedingt! Ohne Humor und ohne Musik wäre dieses Dasein selbst für mich Dauer-Optimisten nicht zu ertragen.
FRAGE: Denkst du, deine Familie und deine verstorbenen Freunde, die im Buch vorkommen, hätten dessen Inhalt für gut geheißen?
E: Ja, weil ich mit jedem Toten liebevoll umgehe. Das habe ich übrigens sehr gerne getan, denn ich habe jede dieser Personen geliebt, jede auf seine Art. Und man darf nicht vergessen, dass ich heutzutage mutterseelenallein bin, ich habe keine Familie mehr. Alleine schon deshalb wird meine nicht mehr existente Familie, wo immer sie sich jetzt aufhalten mag, garantiert nachsichtig mit mir sein.
FRAGE: Was sind deine beruflichen Pläne für die Zukunft? Optionen gibt es ja jede Menge...
E: Mein Vater hat mir nicht viel beigebracht, er war ein sehr stiller, merkwürdiger, wortkarger Mann. Doch einer seiner schlauesten Sätze war garantiert: "Alles kann passieren, also sei für alles bereit - und verlier niemals deine Neugier!" Nun, ich bin weiterhin neugierig, daher kann in der Zukunft tatsächlich alles passieren. Ich will partout nichts ausschließen.
In das neue Album reinhören
"I go to bed real early
Everybody thinks it's strange
I get up early in the morning
No matter how disappointed I was
With the day before It feels new"
(aus: Things the Grandchildren Should Know)
VÖ 29.05.2009 Cooperativ
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