Georg Ringsgwandl
Untersendling
out 22.05.2009
Lawine/Sony
Das Chaos lauert überall
by Michael Fuchs-Gamböck
Georg Ringsgwandl ist bewusster Chaot, Einzelfall und seit jeher etwas Besonderes – dieses mittlerweile 60 Jahre alte Kuriosum der nationalen Unterhaltungsindustrie hat längst seine eigene „Ringsgwandologie“ entdeckt. Was wohl daran liegt, dass der singende Entertainer aus dem niederbayerischen Bad Reichenhall und ehemalige Kardiologe an einer Klinik in Garmisch-Partenkirchen sein „Gehirn als eine Sondermülldeponie für alle möglichen abstrusen Ideen“ (O-Ton Ringsgwandl) ansieht, er selber nach eigener Aussage gar ein „soziologischer Komposthaufen“ ist. Nachzuhören einmal mehr auf der aktuellen CD „Untersendling“.
Wobei: Die aktuelle Ringsgwandl-Scheibe ist - beinahe - eine Singer/Songwriter-Angelegenheit in der Tradition eines Randy Newman oder Jackson Browne geworden, natürlich deren kauzige bayerische Version. Der Ex-Herzspezialist hat viel und präzise beobachtet, ehe er dieses Album aufnahm, das dem Münchner Stadtteil Untersendling und seinen Bewohnern gewidmet ist. "Untersendling", sagt der Ehemann und Vater von drei erwachsenen Töchtern, der seit Jahrzehnten eine Wohnung in Untersendling gemietet hat, in der er immer mal wieder unterschlüpft, vor allem wenn er an neuen Werken bastelt, "kennt zwar außerhalb Münchens niemand, aber das macht nichts. Weil es in jeder größeren deutschen Stadt so ein Viertel gibt, das zentral liegt und trotzdem eine Enklave der Authentizität, der Ehrlichkeit, der Bodenständigkeit ist. Es gibt wenig Gnade in Untersendling, immer aber Hoffnung. Ich wohne sporadisch seit 1979 hier, aber allzu viel verändert hat sich in dieser Ära nicht. Ein paar Schlaue haben eine Zeitlang versucht, hier Schicki-Micki-Kneipen zu etablieren, doch die haben bald wieder aufgegeben und sind zurück ins ach so chice Schwabing oder Bogenhausen. Weil man sich in einem Viertel, in dem 40 Prozent der Bewohner Migrantenhintergrund hat, in dem die Mieten halbwegs bezahlbar sind und in dem es eine altehrwürdige Proletarier-Tradition gibt, nicht Gedanken über das exklusivste Sushi macht, sondern über das Wirtshaus mit den größten Schnitzeln oder dem günstigsten Döner. Hier leben unprätentiöse Sturköpfe, die sich nicht so rasch aus ihrem Quartier vertreiben lassen. Und weil ich diesen resoluten Menschenschlag mag, habe ich ihm meine aktuelle Platte gewidmet", sagt er.
Dennoch, bei aller neuen Ernsthaftigkeit im aktuellen Ringsgwandl-Mikrokosmos - natürlich kommt auch der Humor darin weiterhin nicht zu kurz. Und darüber rezitiert der Herr Doktor auch wie gehabt liebend gerne.
FRAGE: Mir war auf Grund der Texte nie richtig klar, ob Dr. Ringsgwandl eigentlich ein Menschenverächter oder ein Menschenfreund ist. Deshalb richte ich diese Frage jetzt an Sie...
RINGSGWANDL (lacht): Ich bin eindeutig ein Liebhaber der Welt, selbst die Menschen darauf mag ich. Es wäre Blödsinn, die Menschen nicht zu mögen, obwohl ich selbst ein Mensch bin. Allerdings, ein Blödmann bin ich auch, keine Frage.
FRAGE: Sie lieben also die Welt, doch mit der Menschheit eins sind Sie nicht immer, richtig?
RINGSGWANDL: Das ist ganz normal! Jeder Bauer in einem kleinen Kaff geht morgens doch nicht aus dem Haus und sagt: „Die Welt ist schön“, auch wenn es regnet. Selbst die Neandertaler früher sind nicht aus der Höhle gekrochen und haben gemeint: „Danke, liebe Kreuzotter, dass du da bist.“ Stattdessen haben sie die Kreuzotter umgebracht. Es gibt zu viele Dinge, die einen daran hindern, die Welt zu lieben.
FRAGE: Mögen Sie wenigstens den Humor, den die Menschheit hat?
RINGSGWANDL: Nicht mehr, seit Humor massenmedial verwurstet wird. Es ist doch so: Alle meine Kumpels am Stammtisch – und das sind meistens Handwerker oder Arbeitslose – hatten und haben einen prächtigen Humor. Wenn sich Stefan Raab oder Mario Barth zu denen dazu gesellen würden, dann könnten sie gerade mal ein paar Gähner abkriegen, so langweilig sind deren Sprüche. Und ganz schlimm mit dem Humor in Deutschland wird es, wenn ein paar Versicherungsvertreter versuchen, am Abend nach getanem Job den Humor des Mitt-Zwanzigers zu kopieren, den sie in der Nacht davor im Fernsehen mitgekriegt haben. Das ist dann massenmedialer Dünnschiss, der auch noch schlecht kopiert wird. Um Himmels Willen!
FRAGE: Sie fürchten jedenfalls nicht die Konkurrenz der Spaßmacher aus dem Fernsehen?
RINGSGWANDL: Nein, weil diese Typen ja keinen Spaß machen, die sind ja nicht lustig. Mit denen möchte ich von der Berufsbezeichnung her auch keinesfalls in einen Topf gesteckt werden. Dann lieber noch die Typen aus dem Container oder „Big Brother“-Dorf, die sind mir näher. Das sind Vollidioten, die sich zum Kasper für die Öffentlichkeit machen und damit teilweise auch noch reich werden.
FRAGE: Und wenn man Sie als „Punk“ abstempelt, wie so oft geschehen?
RINGSGWANDL: Das geht durchaus in Ordnung. Punks sind Freaks, die man partout nicht einordnen kann. Und es gab einige Shows in meiner Karriere, die waren nichts weiter als grell und laut und schrill und nicht sehr durchdacht. „Trash“, wie der Engländer sagt. Das hat in der Tat eine Menge mit Punk zu tun. Obwohl ich damals keine Ahnung hatte, was Punk eigentlich zu bedeuten hat.
FRAGE: Gibt es selbst für einen Fatalisten wie Sie eigentlich eine Grenze, wo der Spaß aufhört, worüber Sie keine Witze machen würden?
RINGSGWANDL: Meine Mutter litt acht Jahre lang unter Alzheimer, sie ist vor ein paar Jahren gestorben, ihr Verfall war schrecklich mit anzusehen, vor allem für mich als gelerntem Arzt, der sie trotz seines medizinischen Wissens nicht retten konnte vor dem Tod. Über so einen Schicksalsschlag könnte selbst ich nie Witze machen. Wobei ich insgesamt der Meinung bin, das Schicksal per se scherzt wesentlich härter als ich in meinen Texten. Wenn ich die Meldung höre, dass in Palästina von moslemischen Attentätern ein Esel voll gepackt mit Sprengstoff in eine Fußgängerzone geschickt wird und dort explodiert, bleibt mir das Lachen im Halse stecken. So eine Aktion ist nichts anderes als der Inbegriff für die Perversion des Daseins. Das Chaos lauert überall auf diesem Planeten!
Hier reinhören!
On Tour:
01.10.2009 Peissenberg Tiefstollenhalle
02.10.2009 Rosenheim Ballhaus
08.10.2009 Marburg Stadthalle
16.10.2009 Markdorf Wirtshaus am Gehrenberg
17.10.2009 Markdorf Wirtshaus am Gehrenberg
30.10.2009 Köln Kulturkirche
31.10.2009 Dortmund Wattn Hallas
01.11.2009 Mülheim a.d. Ruhr Theater a.d. Ruhr
07.11.2009 Gersthofen Stadthalle
13.11.2009 Freiburg Paulussaal
21.11.2009 Stuttgart Theaterhaus
26.11.2009 Ulm Roxy
28.11.2009 Karlsruhe Tollhaus
29.11.2009 Mannheim Capitol
09.12.2009 Berlin Wühlmäuse
10.12.2009 Berlin Wühlmäuse
15.01.2010 Ergolding/Landshut Bürgersaal
16.01.2010 Eichstädt Altes Stadttheater
22.01.2010 Lörrach Burghof
04.02.2010 Aschaffenburg Colos-Saal
05.02.2010 Mainz Frankfurter Hof
06.02.2010 Düsseldorf Savoy
20.03.2010 Pforzheim Kulturhaus Osterfeld
25.03.2010 Offenburg Reithalle
26.03.2010 Feucht Reichswaldhalle
27.03.2010 Bamberg JAKO Arena
16.04.2010 Berlin Wühlmäuse
17.04.2010 Berlin Wühlmäuse
22.04.2010 Starnberg Schlossberghalle
23.04.2010 Ingolstadt Festsaal
24.04.2010 Bad Tölz Kurhaus
24.07.2010 Fürstenfeldbruck Veranstaltungsforum
01.09.2010 Bad Vilbel Burg Festspiele
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