The Pretenders
Die Rock'n'Roll-Hausfrau
von Michael Fuchs-Gamböck
Ach, Chrissie, wie sehr wir dich lieben - für Courage, Engagement und herrlich bösartige verbale Ausfälle! Die 57-jährige Sängerin, Texterin und Vorzeigefrau, geboren in Ohio, seit 1974 in London zuhause, war seit Gründung ihrer Band Pretenders vor 31 Jahren eine der wenigen Ladys im phallokratischen Rock & Roll-Biz, für die Gleichberechtigung eine Selbstverständlichkeit war, die Gift und Galle spucken konnte, wenn es um soziales und politisches Engagement ging, ohne dabei den Humor zu verlieren, und die auch mit harten Schicksalsschlägen wie etwa dem Tod von gleich zwei Gründungsmitgliedern ihrer Band so sensibel wie souverän umgehen konnte. "Ich bin eine bitch", stellt die spindeldürre Dame mit dem energischen Zug um die Lippen gleich zu Beginn unseres Interviews fest, "aber nur durch meine Härte habe ich all die Jahre überlebt. Also Vorsicht", warnt sie mich, "ich werde rasch ungeduldig - und unfair!" Anlass für unser Gespräch ist die Veröffentlichung der Doppel-CD "Break Up The Concrete/The Best Of", das zum einen das neunte Studioalbum der Pretenders als auch 22 der Band-Klassiker enthält. Während die 22 Stücke aus über drei Dekaden hinlänglich bekannt sind und weiterhin kicken, dürften es die halb so vielen Stücke von "Break Up The Concrete" etwas schwerer haben, Punk-Pop-Meilensteine zu werden - zu gezähmt klingt das Material, zu berechenbar, zu altbacken. Was vermutlich daran liegt, dass die einst so wilde Dame etwas aus der musikalischen Übung gekommen ist, hat sie in den letzten zehn Jahren gerade mal drei Scheiben veröffentlicht. "Wenn ich mich nicht gerade auf einer Bühne oder im Studio aufhalte, bin ich liebend gerne Hausfrau", bekennt Chrissie gelassen. Und fügt feixend hinzu: "Na ja, eine Rock & Roll-Haufrau immerhin..."
FRAGE: Wie kommt es, dass "Up The Concrete" eine relativ zahme, gelassene Platte geworden ist - sind Sie plötzlich zu einer Art Romantikerin avanciert?
HYNDE (lacht): Oh nein, keine Panik! Ich bin nach wie vor die wilde Rock & Roll-Lady von früher, über eine satte Gitarre geht bei mir nichts. Und ich hasse auch nichts mehr als diesen Crossover-Müll, von wegen Folk-Rock, Country-Rock, Jazz-Rock, usw. Alles bullshit! Bei mir muss es immer lupenreiner Rock sein. Trotzdem gehe ich es bei "Up The Concrete" im Vergleich zu früher recht entspannt an, das ist richtig. Vielleicht eine Frage des Alters?
FRAGE: Vermutlich haben sie diese Platte ja auch eingespielt, um ihren beiden Töchtern plus eventuellen noch nicht existierenden Enkelkindern in der Zukunft zeigen zu können: "Hey, hört mal, so klang Omi anno 2009" - aus reinem Selbstzweck also?
HYNDE: Klar, das kann sein! Ich bin mir nämlich über den Stellenwert der Pretenders durchaus im Klaren - keiner wird sich ihretwegen eine Kugel durch den Kopf jagen oder ins Wasser stürzen, wenn es diese Band mal nicht mehr gibt. Wir sind nunmal nichts weiter als Vertreter von ordentlichem Entertainment, kein Kult. Da möchte ich im Laufe der Zeit wenigstens ein paar Dinge tun, die mir Befriedigung verschaffen - unter anderem ab sofort wieder relativ regelmäßig neue Alben veröffentlichen. Wenn das noch jemandem anderem außer mir gefällt und er dafür Geld ausgibt, ist das fein. Doch ich persönlich bin, was das Show-Biz angeht, nicht mehr ehrgeizig. Wenn ich weniger Platten als früher verkaufe, juckt mich das überhaupt nicht, schließlich kaufen eh kaum noch Menschen Platten. Und wenn ich eines Tages wieder in kleinen Clubs spiele, werde ich daran sicher jede Menge Spaß haben. Es gefällt mir zwar nach wie vor, Musik zu machen, aber es gibt andere Dinge im Leben, die wichtiger sind.
FRAGE: Was ist für Sie der Unterschied zwischen den Pretenders der Gründerzeit von 1978 und denen von 2009 - oder gibt es gar Ähnlichkeiten zwischen den beiden Formationen, was das Grundgefühl angeht?
HYNDE: Tatsächlich, die gibt es - von der Stimmung her ist es beinahe das gleiche wie zu Beginn unserer Karriere. Obwohl es im Laufe der Jahrzehnte immer wieder Umbesetzungen gab und zudem zwei Gründungsmitglieder gestorben sind, ist heutzutage beinahe alles wie in den alten Tagen.
FRAGE: Sie haben es stets so gehalten, dass Sie Pop mit Politik und Provokation mischten, Sie sind so berühmt wie berüchtigt für Ihr grimmiges Engagement, z. B. für Tierschutz, Vegetarimus, Feminismus - wie vermengt sich das mit der Einsicht, dass Pop-Musik für Sie in erster Linie pures Entertainment ist?
HYNDE: Ach, das geht gut: Tatsächlich mache ich Musik, weil sie mir und - hoffentlich! - auch dem Publikum Spaß bringt. Aber natürlich bin ich darüber hinaus eine Persönlichkeit, eine schonungs- und gnadenlose Selbstdarstellerin. Und als solche habe ich eine Meinung, ich bin offen für jede Kontroverse, ich streite mich unheimlich gerne. Wenn ich zudem meine Anliegen durch die Tatsache, dass ich eine bekannte Frau bin, der Öffentlichkeit geballter näher bringen kann, nutze ich diesen Vorteil natürlich aus. Wenn man mich danach anpisst, umso besser, das ist der Preis dafür und macht die Sache nur spannender.
FRAGE: Wobei Ihre Meinungen so festgelegt gar nicht scheinen. Ihr Verhältnis zum Feminismus hat sich ja im Laufe der Jahre grundlegend gewandelt, scheint's...
HYNDE: Logisch, weil sich auch die Zeiten grundlegend gewandelt haben! Frauen wie Madonna oder die Kurt Cobain-Witwe Courtney Love haben in den letzten Jahren bewirkt, dass die Mädels zumindest im Showgeschäft heutzutage doch wesentlich mehr Freiheiten als die Jungs besitzen. Wenn Madonna erzählt, wem sie gerne einen bläst und wie sie das bevorzugt anstellt oder Courtney, welche Sexstellung ihre liebste ist, klatschen die Medien verzückt Beifall und finden das cool und souverän. Ist es ja auch! Aber lass' das mal einen Kerl machen - was denkst du, wie schnell der als Macho und Sexprotz in der Öffentlichkeit abgestempelt ist. Klar, ich halte diese Entwicklung für richtig. Aber langsam reicht's mir auch damit. Mich hat es in den 70er und 80er Jahren nicht interessiert, welcher männliche Rockstar welche Groupies vernascht. Und mich interessiert das im Gegenzug auch bei den Mädels heutzutage nicht. Eigentlich halte ich es für ziemlich schlimm, dass die Girls inzwischen dieselbe Scheiße bauen wie die Boys vor ihnen. So was Blödes. Irgendwie haben die ja wohl nichts gelernt. Aber vielleicht ist das auch nur eine Frage des Alters. Ich denke, ich bin wohl endgültig dem Stadium entwachsen, in dem Rock & Roll für mich nichts als eine rein pubertäre Angelegenheit war. Und ganz ehrlich gesagt: Diese Entwicklung ist eine ungemeine Erleichterung für mich. Nichts ist doch so dämlich wie ein Rockstar, der kindischen Schwachsinn erzählt. Ich würde sagen, es gibt für unseren Berufsstand wesentlich wichtigeres zu tun.
album: Best/Break Up The Concrete
out 29.05.2008


Live Form New York City (DVD, NTSC)
out 06.03.2009 - production of 1998
| < Prev | Next > |
|---|



























































