Underworld:Oblivion with Bells
interview: 24.08.2007
Werk im Netz mit Netz-Werk
Reife Künstler oder intellektuelle Kultband?
von Angela Sandweger
Mitreißende Dance-Music vom Elektonik-Duo Rick Smith und Karl Hyde kennt jeder, denn sie zählen zu den Vorreitern des Techno. Die Musik von UNDERWORLD ist in Clubs, aber auch in Filmen wie „Vanilla Sky“ und Werbespots von Nike zu hören. Andere Musiker klauen auch schon mal von den Meistern. Was hinter den beiden klugen Köpfen steckt, erzählt Karl hier:
Herr Hyde, um Underworld und den berühmten Radio-Macher John Peel ranken sich großartige Mythen. Was steckt dahinter?
Karl: Als wir kleinen Jungs waren, lehrte uns John alles über Musik, die nicht in den Charts war. Wir lebten auf dem Lande und hatten keinen Zugang zur weltweiten Musikszene. Schon in den 70ern hörten wir leidenschaftlich die John Peel Session mit Can, Neu, Guru Guru, Ashram Tempel und natürlich Kraftwerk. Zuerst fanden wir die Musik seltsam. Aber später konnten wir uns nicht mehr satt hören. Zuhause produzierten wir auf einem kleinen Vierspurgerät Demos, die wir John schickten. Er spielte uns tatsächlich im Radio! In den 90ern schließlich legte er unsere Platten auf. Erst Jahre später trafen wir ihn persönlich und waren zusammen ‚on Air’. Durch eine Life Session in seiner Sendungen gelang uns der endgültige Durchbruch. Von da an waren wir mit John eng befreundet. In jener Nacht, als er in den Urlaub flog, kümmerten wir uns um seine Radioshow. Unser großartiger Lehrer kam nie zurück, doch er lehrt und beeinflusst uns immer noch!
Sie machen elektronische Musik. Wie schaffen Sie es Ihrer Musik Gefühl zu geben?
K: Schön, dass Sie das so empfinden! Tatsächlich verwenden wir auf unseren Alben traditionelle Instrumente, wie einen Steinway Flügel, seltene Gibsons und Fenders, 1930er Mikrophone; Wir verfügen über eine große Sammlung von Pianos, Gitarren und Perkussionsinstrumente, die wir von unseren Reisen mitbringen.
Es gibt Leute, die Underworld mit klassischer Musik von Eric Satie vergleichen oder auch Philip Glass. Was denken Sie darüber?

K: Sie haben großen Einfluss auf unsere Musik. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.
Wie empfinden Sie die heutige Musikbranche?
K: Es dreht sich alles um Gitarrenbands. Elektronische Musik ist eher einem kleinen Publikum zugänglich. Aber zum Glück ändert sich das ständig! Immer wieder werden neue Einflusse und alte Themen aufgegriffen. Dieser Tatsache verdanken wir es, dass wir uns weiter entwickeln oder auch zurückbesinnen.
Sehen Sie sich vielen neue Acts an?
K: Dazu haben wir keine Zeit, weil wir permanent arbeiten. Wir machen nicht nur Musik, sondern auch Kunst, Bücher, Filme, Internet Aktionen, Net Radio, Web-TV-Shows, oder spielen mit anderen Musikern. Darunter sind viele junge Künstler, die uns auf neue Trends aufmerksam machen. Nahezu täglich verlinken wir uns mit neuen und auch alten Künstlern. Dadurch sind wir immer auf dem Laufenden.
Wie haben Sie da noch Zeit zu reisen?
K: Dank der mobilen Notebooks können wir überall ins Netz gehen und arbeiten, egal ob im Hotelzimmer oder im Flieger.
Ist es wahr, dass Sie mit Ihrem Partner Rick seit 27 Jahren Musik machen?
K: Das ist tatsächlich so! Wir lernten uns bei einem typischen Studentenjob in einer Restaurantküche kenne. Als wir unsere gemeinsame Leidenschaft für Musik entdeckten, legten wir zusammen als DJs auf und gründeten die Band FREUR. Wir liebten Kraftwerk aber auch Reggae. Also begannen wir elektronische mit traditioneller Musik zu mischen. Wir wollten eine Pop-Band sein und landeten in Deutschland sogar einen Hit. Aber die Leute konnte nicht mal unserem Namen ‚FREUR’ aussprechen. Nachdem wir 1985 die Musik für den Film UNDERWORLD gemacht hatten, benannten wir uns nach dem Filmtitel um. Wir machten zwei Alben mit einer US-Plattenfirma und hatten zwei unbedeutende Hits, also warfen die uns wieder raus. Zu dem Zeitpunkt beschloss Rick sich auf elektronische Musik zu konzentrieren und wir wurden zu UNDERWORLD, wie man uns heute kennt.
Erzählen Sie mir vom Projekt „TOMATO“!
K: TOMATO entstand in den 90ern und ist ein Zusammenschluss von verschiedenen Künstlern. Wir bringen Bücher heraus, halten Workshops, unterrichten, machen aber auch Fernsehspots für Apollinaris, Levis oder Adidas. Wir machen Installationen und produzieren Filme, die wir in unseren Live-Shows verwenden. Wir haben ein virtuelles Künstleratelier, in dem jeder täglich vorbeischaut, denn die Künstler sind überall auf der Welt, egal ob Japan oder Australien verstreut. Auf tomato.com können Sie alle Aktionen einsehen.
Begegnen Sie diesen Künstlern auch persönlich?
K: Natürlich! Brian Eno war erst bei uns im Studio, Danny Boyle kam vorbei und viele andere. Es ist sehr wichtig ab und an physischen miteinander zu kommunizieren. Letztendlich ist es aber ebenso wichtig virtuell miteinander zu jammen. Jammen ist das wichtigste für uns!
Underwold ist sehr präsent im Internet. Was denken Sie ist heutzutage wichtiger für eine Musikerkarriere, die Bühne oder das Netz?
K: Das Internet ist nur eine Möglichkeit seine Arbeit zu präsentieren, doch ausschlaggebend ist immer noch, ob eine Band gut ist. Die Leute sollten sie gerne hören, sich von der Musik inspirieren und berühren lassen. Beides ist für uns sehr wichtig.
Sie gehen vielen verschiedenen Aktivitäten nach. Was liegt ihnen am meisten?
K: Alles was wir machen, lieben wir, egal ob es Filmmusik ist, unsere Web-Radio-Show oder unsere Life-Auftritte. Wir gehen sozusagen in unserem Schaffen voll und ganz auf. Es gibt immer was zu tun!
Was bereitet Ihnen den größten Genuss?
K: Das hier und jetzt! Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem wir genau wissen, wie wir uns ausdrücken können. Es geht um die Reise, darum wie man dahin gelangt wo man hin will!
Wenn ein junger Mensch Sie um Rat fragen würde, wie er seine Karriere beginnen soll, was würden Sie ihm raten?
Karl: Sei Du selbst, sei offen und aufmerksam, höre und lerne und lass dich vor allem von nichts und niemanden abhalten!
out 12.10.2007
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