Der Sinn für Feinheiten wird oft kleingeredet. Teilweise ist das sicherlich der Grund dafür, warum das neue Album der PAPERCUTS, "Fading Parade", frischen Wind in die Szene bringen wird. Das tiefgründige Songwriting von Mastermund Jason Robert Quever ist unaufdringlich sinnträchtig und gleichzeitig ambitioniert.
Dies ist Dreampop der ersten Garde, doch ganz im Unterschied zu den meisten zeitgenössischen Bands, die sich unter diesem Banner versammeln, versuchen PAPERCUTS nicht, den Shoegaze Helden von Anno Dazumal nachzueifern. Stattdessen wählen sie die sanftere, durchdachtere Herangehensweise von Quever und präsentieren Popmusik, die Atmosphäre atmet.
Quever: "Als ich jünger war, gab es so viel aggressive Musik, so dass ich einfach etwas anderes ausprobieren wollte. Ich will Menschen keins überziehen. Das bin nicht ich. Ich muss nicht unbedingt im Mittelpunkt stehen." Quever will vielleicht nicht im Rampenlicht stehen, hält aber die Fäden von PAPERCUTS fest in der Hand.
Seine üppigen, geschichteten Aufnahmen klingen, als wären sie von etwas produziert worden, was man im regulären Sprachgebrauch mit "Band" bezeichnet, doch Quever ist der, der die Puppen zum Tanzen bringt, sei es mit den Saiten seiner Gitarren, mit dem Produzieren oder dem Songwriting.
Obwohl Quever von PAPERCUTS als Band spricht, gewöhnt er sich langsam, aber sicher an die Idee, der einsame Schreiber zu sein. "Ich habe immer versucht, nicht der Typ zu sein, der in seinem Schlafzimmer Songs schreibt, aber langsam sehe ich ein, dass es manchmal Sinn macht. Vielleicht ist das die Gedankenrichtung, der ich entstamme: so interessante Platten zu machen, wie man nur kann, wer immer gerade da ist.
"Die ersten drei Alben von PAPERCUTS - "Mockingbird" (2004), .Can't Go Back" (2007) und .You Can Have What You Want" (2009) - entstanden in Quevers Homestudio in San Francisco, Pan American Recording, wo er auch mit Künstlern wie PORT O'BRIEN, BEACH HOUSE, CASS MCCOMBS und THE SKYGREEN LEOPARDS gearbeitet hat.
Pan American spielte auch eine Rolle im Schaffensprozess von "Fading Parade", doch zum ersten Mal ließ Quever die bekannte Umgebung hinter sich, machte sich auf in den Hangar nach Sacramento und überließ Thom Monahan (BEACHWOOD SPARKS, AU REVOIR SIMONE, VETIVER) die Aufnahmezügel.
Die Zusammenkunft war äußerst produktiv: Monahan kümmerte sich um die technischen Details und die Liveband, so dass Quever sich keine Gedanken um die kleinen Dinge machen musste und mehr Zeit als Performer und Songwriter verbringen konnte. "Ich habe am Ende keinen Herzinfarkt bekommen", erinnert sich Quever, "Es hat tatsächlich von Anfang bis Ende Spaß gemacht und ich freue mich darauf, die Songs endlich live zu spielen, anstatt denken zu müssen: ,ich will nie wieder eine Gitarre sehen."
Entstanden über mehrere Monate hinweg ist "Fading Parade" sorgfältig aufgebaute Popmusik mit einem ausgewachsenen Sinn für Raum und handfesten Soundwänden. Mit der Hilfe von Streichern, Autoharps, Mellotron, Synthis, zwölfsaitigen Akustikgitarren, Klavier, Echoplex, analogem Tape und digitalen Aufnahmen ist das Album weitläufig und abenteuerlustig.
Es reicht vom Uptempo Song "Do You Really Wanna Know" über das klangvolle "Do What You Will" bis zum launischen Geschwurbel von ''I'll See You Later I Guess", zum folkigen, klavierlastigen "Winter Days" und weiter. Als wären BELLE & SEBASTIAN mit SLOWDIVE zusammen mit PHIL SPECTOR ins Studio gegangen.
"Fading Parade" ist das lebendigste Album der PAPERCUTS, was daran liegen dürfte, dass die Songs live ausprobiert wurden und Quever beim Songwriting an die Livetauglichkeit dachte. Im Studio bekam er noch Hilfe von den Jungs, die auf der Bühne auch PAPERCUTS sind: David Enos (Keyboard, Autoharp), Graham Hili (Drums) und Frankie Koeller (Bass).
"Ich wusste nur, dass wir einen großen Sound wollten, mit Drums, die noch lange nachhallen. Ich hatte mehr als sonst mit einer Band gespielt, weshalb ich alles so dynamisch wie nur möglich wollte, auf eine Art und Weise, die zu Hause schwierig umzusetzen gewesen wäre." Für Quever scheinen die Puzzleteile auf persönlicher und musikalischer Ebene endlich zusammenzupassen; die daraus resultierende Offenheit lässt sich auf "Fading Parade" nachspüren. Nach seiner schwierigen Kindheit, in der beide Elternteile starben - Quever selbst sagt, dass das Vierspurgerät, das er nach dem Tod seiner Mutter bekam, seine Karriere angeschoben hat - hat er nun ein Album, dessen Entstehung ihm Spaß machte und bald auf einem Label erscheint, dass ihm erlaubt, seine Ideen in ein größeres Studio zu tragen. Und er hat eine Band, die er liebt, und die auf das nervige Bandgetue verzichtet.