Interviews Features Laura Gibson

Schon ihr letztes Album „Beasts Of Seasons“ war ein kleiner Meilenstein von Musik, die in sich selbst ruht, die ihre Kraft in ausdrücklicher Zurückhaltung fand und den Hörer einfach mal zum Innehalten zwang. Ein herrliches Qualitätsmerkmal, das gar zu selten geworden ist in der heutigen Hatz nach Schneller, Höher, Weiter, Lauter, Hipper, Neuer.

In einer Aufzählung der neueren musikalischen Garde aus Portland, Oregon darf neben z.B. Musée Mecanique oder auch Tu Fawning auf gar keinen Fall die berückende Laura Gibson fehlen. Ihr neues Album, das auf den Namen „La Grande“ hört, mag sich zunächst französisch lesen, doch wenn der gemeine Amerikaner diesen Namen einer Kleinstadt östlich des Wallowa Valley im tiefsten, hinteren Oregon ausspricht, dann klingt das eher nach „Luh Gränd“.

Der erste Song auf jedem Laura Gibson Album ist immer auch eine Art Barometer, eine Vorschau auf die Dinge, die da kommen. Und wo das letzte Album noch mit dem gut siebeneinhalb Minuten dauernden Klangforschungskörper namens „Shadows On Parade“ aufgemacht hat, tritt uns auf „La Grande“ eine für Frau Gibsons Verhältnisse geradezu schmissige Stimmungskanone in Form des Titelsongs als Türöffner entgegen. Ganz neue, beschwingt perkussive Töne werden da angeschlagen und ein Gitarren Twang, den es so bei Frau Gibson im Repertoire bisher wirklich noch gar nicht zu hören gab.

Durch das ganze Album zieht sich ein gewisses Vintage Gefühl, das aber nie ins Retrohafte abgleitet, und wo sich auf dem Vorgänger noch weitestgehend Sparsamkeit und Behutsamkeit die Klinke in die Hand gaben ist jetzt eine ebenso feenhafte und federnde Opulenz (immer schön zurückhaltend, nie aufdringlich) zu vernehmen. Und über Allem schwebt diese wunderbar brüchige, verletzliche, aber dabei immer vordergründige und tolle Stimme. In gewissem Maße ist Laura Gibson damit die Antithese zu Leslie Feist (die wir hier natürlich dennoch sehr schätzen, schon wegen ihrer Broken Social Scene Vergangenheit), denn alles was bei der Kanadierin als das gewisse zuviel erscheint, geschieht bei der Sängerin aus Portland genau im richtigen Maß.

Laura beschreibt die Stadt La Grande als einen Ort an dem „people usually pass through on their way to somewhere else, but which contains a certain gravity, a curious gravity.“

Bevor sie nach Portland, in das Indie Rock Hollywood, umsiedelte, wuchs Laura Gibson selbst in einer Holzfällerstadt in Oregon auf, und die Referenzen an den „Beaver State“ ziehen sich durch das ganze Album, bis hin zu der Decke (ein Familienerbstück) in die sie sich auf dem Cover hüllt. Aber „La Grande“ ist mehr als distanziert kritischer (romantischer) Bezug zur Scholle in Springsteenscher Manier. „La Grande“ ist ein Album über Stärke und Selbstvertrauen – über die Spannung zwischen Wildheit und Heimeligkeit, über Bewegung, Wandel und Veränderungen und den erforderlichen Mut, seinen eigenen Weg zu gehen, womit es sich auch weitestgehend von den subtilen Meditationen über menschliche Gebrechlichkeit von „Beasts of Seasons“ abnabelt.

Auch mit „La Grande“ bleibt Laura Gibson schemenhaft zwischen allen musikalischen Phasen und Genres, es ist sowohl altmodisch als auch modern. Sie erklärt „I am someone who loves old things and could easily dwell in in nostalgia (...) but I really felt this needed to be a statement about the future - about moving forward fearlessly and I think the process of making the record and the finished album reflect that desire“ .

Während Laura an dem Album arbeitete, restaurierte sie gleichzeitig auch einen fast antiken Wohnwagen aus dem Jahre 1962. Sie schliff, spachtelte und lackierte, bis das gute Stück wieder im neuen Glanz erstrahlte und sie ihn in ein mobiles Aufnahmestudio umgewandelt hatte. Dort schrieb sie Songs und nahm erste Spuren auf, um dann im TYPE FOUNDRY Studio mit ihrem Freund Adam Selzer (M Ward) und befreundeten Musikern wie Joey Burns (Calexico), Meric Long und Logan Kroeber (the Dodos), sowie Nate Query, Jenny Conlee (Decemberists) die finalen Versionen aufzunehmen.

Bei allen Prozessen, bei jeder Note, blieb Laura federführend - trotz der vielen Gäste. Das Resultat umarmt erstmals den Pop, wenn auch mit gemischten Gefühlen, und ist reifer als alle ihre vorhergehenden Platten, verliert jedoch nie den Bezug zu den Anfängen der jungen Songwriterin, die sich wohler dabei fühlte, in Gefängnissen, Kindergärten oder AIDS-Pflegeheimen zu spielen, als in Portlands standardisierten Indie-Rock Schuppen. Es bleibt intim. Hollywood ist woanders.


Album: La Grande
Release: 13.01.2012
City Slang


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