Interviews Features MIT

MITWenn in diesem Land je eine popkulturelle Leistung von Weltrang vollbracht wurde, dann waren das die Pioniertaten jener Elektroniker und Krautrocker der 70er-Jahre, die bis heute adaptiert, kopiert und zitiert werden.

Die Rede ist natürlich von Bands und Kollektiven wie Neu!, Can – und insbesondere Kraftwerk. An Adepten der Genannten mangelte es seither nicht, selten aber wurde von deutschen Musikern die Güte der Vorbilder erreicht. Bis jetzt. Die Kölner Band MIT überträgt auf ihrem neuen Album „Nano Notes“ die Klangkonzepte der Altvorderen unter Hinzunahme eigener Bordmittel ins neue Jahrtausend.

Studiert man die Geschichte dieser Band, erscheint die musikalische Reife von MIT freilich in einem anderen Licht. Auch wenn die Mitglieder allesamt erst in den frühen Zwanzigern sind, haben MIT in fünf Jahren bereits diverse Tonträger aufgenommen und die halbe Welt betourt. Parallel machten die Musiker ihr Abitur, begannen zu studieren und teilweise „nebenbei“ zu arbeiten. So ist Tamer Özgönenc parallel als Klangkünstler bei der Staatsoper Hannover beschäftigt. Eine Tätigkeit, von der die Musik seiner Band unbedingt profitiert, aber dazu später mehr.

Denn die von absonderlichen Glücksfällen und erstaunlichen Anekdoten geprägte Biografe dieser Band ist es wert, erzählt und gelesen zu werden. Los geht es relativ normal: 2004 beginnen Tamer Özgönenc und der Sänger Edi Winarni mit Einflüssen aus Post Punk und No Wave zu experimentieren. Bald darauf schließt sich der Schlagzeuger Felix Römer der Truppe an – den zuvor verwendeten Drum-Computer hatten die Musiker als limitierend empfunden. MIT produzieren ein erstes Demo und bemühen sich um Auftrittmöglichkeiten, zunächst jedoch erfolglos. Also nehmen sie ihre Geschicke selbst in die Hand: Einen Auftritt von Peaches in Köln nutzen sie, um dem Manager der Sängerin ein Demo zu überreichen. Das Unglaubliche passiert: Besagter Manager spielt Peaches das Demo vor und diese ist so begeistert, dass sie MIT tatsächlich einlädt, am Abend ihr Konzert im Gebäude 9 zu eröffnen.

MITAb jetzt kommt Tempo in die Sache: Parallel trudeln auf der MySpace-Seite der Band Anfragen aus England ein. Drei Tage nach dem Konzert mit Peaches sind MIT zum ersten Mal zehn Tage für mehrere Konzerte auf der Insel. Ähnliche Aufenthalte folgen in den Jahren danach immer wieder. Bis heute haben MIT in quasi jedem wichtigen Londoner Club gespielt – es ist die alte Geschichte vom Propheten im eigenen Lande.

Irgendwann kommen endlich auch Angebote für Konzerte in Deutschland, die Band spielt bald auf Partys und in Clubs von Berlin bis Köln. Parallel stecken alle drei MIT-Musiker in der heißen Abitur-Phase. „Nachts spielten wir in irgendeinem  Londoner Club, am nächsten Morgen saßen wir in der Klasse und schrieben eine Klausur“, erinnert sich Tamer. Als der „Kölner Stadt-Anzeiger“ zum ersten Mal über die Erfolge der Band berichtet, sind die Musiker Schulhof-Thema Nummer eins. Ihr Abitur schaffen sie trotzdem.

Anschließend unterschreiben MIT einen Plattenvertrag – und veröffentlichen 2008 ihr erstes Album in Deutschland, England und Japan. „Coda“ wird in einem Kölner S-Bahn-Gewölbe aufgenommen, eine Umgebung, die die Musik beeinflusst. Ruhiger und organisierter als auf den zuvor veröffentlichten EPs und Singles klingt die bisweilen sperrige Elektronik der Band nun. Auf die Veröffentlichung folgen abermals Tourneen durch Länder wie  China, Indien und einmal mehr England.

Während der Vorbereitungen für ihr zweites Album, „Nano Notes“, lernen die Musiker dann 2009 Emil Schult kennen. Der Künstler und Musiker Schult hat bei Joseph Beuys und Gerhard Richter gelernt, war eine Weile Mitglied bei Kraftwerk und verfasste später immer wieder Texte für die Düsseldorfer Elektronik-Pioniere. Bei der Arbeit an „Nano Notes“ entwickelten MIT gemeinsam mit Schult das Konzept. Der Künstler fungierte zudem als Berater und Freund und half bei manchen Texten. Grundsätzlich überlassen MIT nur wenig dem Zufall: Für die Gestaltung des Cover-Artworks wurde der vielfach ausgezeichnete Immendorf-Schüler Alexander Ernst Voigt gewonnen. Voigt realisierte ein Gemälde mit einem abstrakten Gebilde, das zugleich Wärme und Kälte,  Tiefgang und Befremden ausstrahlt – und so glänzend mit der Musik auf „Nano Notes“ korrespondiert.

MITDie ersten musikalischen Ideen für das Werk entwickelte Tamer wie gewohnt daheim am Computer. Edi textete anschließend zur fertigen Musik und Felix kreierte seine Beats zu eben jener. Eine Arbeitsweise, die sich in den letzten Jahren etabliert hat. Erst wenn eine Idee auf diese Weise ausformuliert wurde, finden die Musiker zu konzentrierten Probe-Blöcken zusammen. Zuvor hatte die Band ein klangästhetisches Konzept entworfen, an das sich während der Produktion des Albums alle hielten – elf Songs schrieben MIT für „Nano Notes“, elf sind nun auch auf dem fertigen Album.

Soweit die schnöde Theorie – die doch keineswegs die ganz besondere Magie dieser Musik erklärt. „Nano Notes“ kündet noch mehr als zuvor von der traumwandlerischen Sicherheit, mit der MIT deutsche Elektronik-Traditionen und ein universelles Pop-Verständnis in Einklang bringen. Durch den eher Genre-untypischen Einsatz eines richtigen Schlagzeugs erhält diese Musik zudem ein tiefes organisches Moment, das durch die anachronistische Wärme der verwendeten analogen Modular-Synthies noch verstärkt wird.

„Analog zu arbeiten war für uns eine zwingende Maßgabe“, erklärt Tamer hierzu. „Von Anfang an suchten wir nach einem Produzenten mit der entsprechenden Ausstattung.“ Fündig wurden sie schließlich bei Jas Shaw, James Fords Partner bei Siman Mobile Disco. In dessen Londoner Studio stehen unter anderem jene Modular-Synthies in der Größe von Wandschränken, die nun auf „Nano Notes“ zum Einsatz gekommen sind.

Den Umgang mit den Geräten musste sich Tamer erst aneignen, gelungen ist ihm das ganz hervorragend. „Figur“ etwa beginnt in wabernder Monotonie und steigert sich über einen sphärischen Mittelteil zu einem luftigen Pop-Refrain, mit den roboterhaft vorgetragenen Zeilen „Betrachte ich dich, bist du der Standard, der nichts von mir verlangst.“ MIT verlange indes durchaus etwas von ihren Hörern, auch wenn die Musik auf zwei Ebenen funktioniert. Man kann Songs wie das Neubauten - informierte, hochmemorable „Nano Notes“ oder das stoische „Puls“ als reinen Pop hören, was indes eine Verschwendung wäre. Unter der von Edis Melodien und klaren rhythmischen Strukturen geprägten Oberfläche wartet ein filigranes Netz aus glänzend harmonierenden Sounds und Beats. Es sind diese Details, die MIT als einen visionäre Geiste der Extraklasse ausweisen – mit einem phänomenalen Gespür für Timing, Arrangement und Ökonomie.


MITAlbum: NANONOTES
Release: 10.09.2010
V2 / Cooperative Music

offizielle Site / myspace




 

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